HAZ vom 2.10.2010
Die scheuen Tiere brauchen Hilfe, um zu Überleben: BUND sucht Flächen zum Kaufen oder Pachten
Bockenem (vb). Rund 500 Wildkatzen leben in Harz und Solling. Doch ihr Bestand ist gefährdet. Um das Überleben der seltenen Raubkatzen zu sichern, muss den Tieren die Möglichkeit gegeben werden, gefahrlos von einem Wald in den anderen wechseln zu können. Der BUND sucht deshalb auch in der Nähe von Bockenem Grundstücksflächen, um so genannte grüne Korridore zu schaffen.
Man muss schon Glück haben, um ein Exemplar zu entdecken - und wenn man eines sieht, weiß man es mitunter auch gar nicht so genau. Denn die Wildkatze als solche auch zu erkennen ist schwierig. Schließlich sieht das wilde Raubtier dem allgemein bekannten Haustiger frappierend ähnlich. „Die beiden Tiere zu unterscheiden ist eine durchaus heikle Angelegenheit“, weiß Janina Philip, Wildkatzen Expertin des BUND Niedersachsen. Selbst Fachleute hätten da so ihre Probleme. „Oft bringt erst eine DNA-Probe wirklich Gewissheit“, erklärt Philip. So viel kann gesagt werden: Wildkatzen haben einen buschigeren Schwanz, stärkere Ringel als Hauskatzen und oftmals eine verwaschenere Tigerzeichnung.
Janina Philip hat schon so einige Wildkatzen gesehen. Damit das auch so bleibt, kämpft sie als Koordinatorin des Projektes „Leise Pfoten - Wilde Wege“ für das Uberleben der Tiere. Ein Ziel des Projekts: Der BUND möchte unter anderem im südlichen Landkreis Flächen kaufen oder pachten, um Korridore für die Wildkatzen zu schaffen. Die Bereiche zwischen Hainberg und Heber sowie die Verbindungsflächen zwischen Heber, Vorholz, Siebenberge und Sackwald haben die Experten ins Auge gefasst. Die Korridore würden den einen Wald mit dem anderen verbinden, und der Bestand der scheuen Tiere würde sich im Idealfall wieder erholen. Wie viele Wildkatzen es in Niedersachsen noch gibt, ist laut Janina Philip schwer zu sagen. „Man schätzt, dass im Harz rund 400 und im Solling circa 120 Katzen leben.“ Für das Überleben einer Population würden aber rund 500 Individuen gebraucht, sagt Philip. Nur so könne sich der Genpool angemessen mischen — was wiederum dafür sorge, dass sich die Tiere ihrer Umwelt besser anpassen können und zum Beispiel widerstandsfähiger werden. So wie die Katzen jetzt leben, seien diese Voraussetzungen nicht gegeben. „Die Tiere, die jetzt im Harz und im Solling leben, entfernen sich genetisch immer weiter voneinander“, sagt Philip.
Die Flächen, die der BUND erwerben möchte, würden bepflanzt, um den Tieren ausreichend Deckung zu geben. Das scheue Verhalten stecke „evolutiv in den Katzen“, erklärt Philip. Weiter als 200 Meter gingen die Tiere nicht über eine Feldflur - meist ist das zu weit, um von Wald A nach Wald B zu gelangen. „Normalerweise gehen die Tiere immer am Waldrand entlang, um einen Ort zum Flüchten zu haben.“ Niemals würde die Katze durch eine Siedlung gehen, Straßen überquere sie schon mal - und bezahlt dies oft mit ihrem Leben. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Wildkatze in Deutschland ausgerottet. „Davor galten Bär, Luchs und Wolf als Konkurrenten des Menschen“, erläutert die BUND-Expertin. Dabei ernähre sich die Katze von Vögeln, Mäusen oder auch mal einem Kaninchen. Vor 250 Jahren aber erzählten sich die Menschen, die Wildkatze würde sogar Rotwild angreifen und sei mehr als einen Meter groß. „Ein Lügenkomplott“, sagt Philip.
Nun sucht der BUND Besitzer von landwirtschaftlichen Flächen, die ihr Land entweder verpachten oder verkaufen wollen. Der Umweltschutzverein zahle die normalen Preise, sagt Philip. „Wir richten uns zum Beispiel nach Bodenrichtwerten.“ Idealerweise könnte der BUND dann einen Korridor von einer Breite von 50 Metern einrichten - aber selbst 20 Meter würden schon ausreichen, um die Wildkatzen von einem Wald in den nächsten zu „lotsen".
Janina Philip ist unter der Rufnummer 0511 / 9656912 zu erreichen.